Linguistically Speaking

Christa Wolf zu griechischen Mythen

CW geht davon aus, dass die griechischen Mythen (vor allem ihre Frauenfiguren wie Kassandra oder Medea) Spuren eines grossen Gesellschaftlichen Umbruchs tragen:

"Eine tiefgreifende Umwälzung der Produktions, Lebens-, Verwandtschaftsverhältnisse hatte stattgefunden, über hunderte, vielleicht tausende von Jahren, die Frauen, einst gleichgestellt, waren in eine untergeordnete Stellung geraten [...]
Eine Jahrtausendzeit, in der die ehrfuchtgebietenden Erd- und Fruchtbarkeitsgöttinnen von männlichen Göttern, schliesslich vom Götterhimmel des griechischen Olymp abgelöst wurden; aber diese oft gewaltsame Ablösung geistert in und hinter den Geschichten des Mythos weiter" (13/14).

Ich finde diese Sichtweise faszinierend, war aber immer auch skeptisch - steckt dahinter nicht auch ein Wunschdenken nach einer Ur-Zeit, in der alles besser war? Der Kampf für Gleichberechtigung wird damit auch zu einem Zurückgewinnen der ursprünglichen Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern.

Jetzt habe ich aber heute Aischylos' Orestie gelesen - und deren Schluss macht CWs Punkt für mich sehr viel plausibler. Kurzfassung der Geschichte: vor dem trojanischen Krieg opfert Agamemnon seine Tochter Iphigenie, um günstige Winde für die Fahrt nach Troja zu erbitten. Seine Frau Klytemnestra ist darüber so empört, dass sie ihn nach seiner Rückkehr zehn Jahre später ermordet; sie selbst wird dafür von ihrem Sohn Orest umgebracht. Im Schlussteil der Trilogie wird Orest der Prozess gemacht. Parteien sind der angeklagte Orest und der Gott Apollo, der ihn (unter Androhung von wüsten Strafen) zur Rache seines Vaters aufgefordert hat; auf der Anklageseite sind es die Erinnyen, alte, dunkle Frauen, Rachegöttinnen, die darauf beharren, dass der Muttermord schwerer wiegt als der Gattenmord, weil es ein Mord an Blutsverwandten war.
Das Gericht spricht Orest frei; die Begründung:
"Die Mutter bringt, was uns ihr Kind heisst, nicht hervor.
Sie ist nur frisch gesäten Keimes Nährerin,
Der sie befruchtet, zeugt. ...
Es gibt auch ohne Mutter Vaterschaft" (658ff.)
--und zwar ist die Göttin Athene (die Schiedsrichterin) direkt aus ihrem Vater Zeus entstanden.

Folglich sind Mütter nicht so wichtig, und sie umzubringen ist nicht so schlimm.

Die Erynien kommentieren diesen Schiedsspruch wie folgt:
"Ihr spätgeborenen Götter [i.e., Apollo und Athene], weh!
Altes Gesetz
Reitet ihr nieder, entwindet es meiner Hand" (777ff.)

Da passt CWs Interpretation sehr genau drauf - der Zeitenwechsel ist nicht mal nur im Hintergrund des Mythos zu finden, sondern direkt dramatisiert.

Und ausserdem noch CWs Antwort auf die Frage, ob eine Rückkehr ins Matriarchat wünschenswert wäre:

"Wahrscheinlich hat es ein vollkommen ausgebildetes Matriarchat als 'Frauenherrschaft' nie gegeben, und ein Zurück in so frühe undifferenzierte Verhältnisse gibt es sowieso nicht. Wir können nur versuchen, die Erfahrung der Jahrtausende beachtend, weiterzugehen. Es muss also immer selbstverständlich werden, dass der männliche und der weibliche Blick gemeinsam ein vollständiges Bild von der Welt vermitteln." (52)

(CW-Zitate aus Christa Wolfs Medea. Voraussetzungen zu einem Text. 1998: Gerhard Wolf Janus Press, Berlin.)
si1ja - 13. Mar, 13:13

Hmmm... ich weiss nicht, ob du die Orestie als 'historisches' Dokument das einen Gesellschaftswandel belegt ansehen kannst (vielleicht war ja dieser 'Mythos' schon damals verbreitet? Zumindest sind es ja die Erynien, die sprechen...). Sonst aber eine interessante Gegenüberstellung! Werde mich nach der Dreitägigen etwas ausführlicher gedanklich damit befassen ;-)

barbara... - 22. Mar, 20:05

Die Orestie kann sicher nicht als historisches Dokument durchgehen - das habe ich so auch nicht gemeint, ich habe beim Lesen nur sehr viel besser verstanden, wie CW und andere überhaupt auf solche Thesen kommen. Wenn CW sagt, dass die alten Figuren im Hintergrund der Mythen herumgeistern, ist das sogar etwas untertrieben - in der Orestie werden die 'alten' Göttinnen sehr explizit der jüngeren Göttergeneration entgegengestellt. Aber klar, von da auf einen Gesellschaftswandel zu schliessen, bleibt immer (wenn auch nicht unplausible) Spekulation...

Bei der Arthur-Geschichte gibts ja ähnliches - Frauenfiguren, die in älteren Überlieferungen positiv, Heilerinnen etc. sind, in späteren dann böse Hexen. Dass da eine 'Patriarchalisierung' (v.a. im Zuge des Christentums) stattgefunden hat, scheint mir plausibel. Aber damit lässt sich noch nichts über die früheren Gesellschaftsverhältnisse sagen. Matriarchat ist da ja nur die Extremversion, es könnte auch einfach eine egalitärere Gesellschaft gewesen sein (CWs Adaptationen suggerieren eher das)...
si1ja - 23. Mar, 15:03

Aha - dann habe ich dich etwas missverstanden! Sonst gebe ich dir natürlich recht - ich denke, die "Mythen" von matriarchalischen oder egalitären Gesellschaftsformen sind durchaus verbreitet in unserer Gesellschaft (und es ist auch plausibel dass so etwas existiert hat). Diesbezüglich können natürlich die Religion und Göttervorstellungen prägend sein.

Wikipedia meint hierzu, dass in unserer monotheistischen Vorstellung eine Göttin undenkbar sei, aber sonst eigentlich sehr verbreitet sei, besonders im Bezug auf Weltschaffungsmythen, die mit der weiblichen Geburt verglichen werden:

"In den Mythologien der alten Völker finden sich eine Vielzahl von Göttinnen, die im jeweiligen Kontext unterschiedliche Aspekte des Lebens und Geistes repräsentieren. Die Gestalt der Göttin findet und fand sich in allen Kulturen und in vielen Kulturen war das Göttliche ursprünglich weiblich. Auch im mesopotamischen Raum gehören die Göttinnen mit zu den ältesten Gottheiten und einige Forscher vermuten eine weibliche Dominanz, die bis in die Vorgeschichte zurückreicht, da ein Großteil der gefundenen Skulpturen weiblich ist und männliche Skulpturen eher die Ausnahme sind. Viele Zeugnisse der frühen Göttinnen und die Mythenforschung deuten darauf hin, dass es in den Anfängen der menschlichen Kultur einen Kultus der 'Großen Göttin' oder 'Großen Mutter' gab, der weltweit in unterschiedlichen Formen ausgeübt wurde. Gegner dieser Theorie bestreiten die Dominanz der Göttin, da nach ihrer Meinung die Funde als Beleg nicht ausreichen.

Göttinnen sind im Bewusstsein der europäischen Bevölkerung hauptsächlich aus der Mythologie der Griechen und Römer bekannt. Göttinnnen gab es jedoch in allen anderen Regionen in denen Ackerbauern lebten, vom Ägypten der Pharaonen über den Orient und Kleinasien bis zu den Kelten Germanen und Slawen (siehe Kalinka). Auch die amerikanischen Hochkulturen der Azteken, Mayas und Inkas hatten Göttinnen.

Während der Revolution in Frankreich wurde auf Betreiben Robespierres in den Jahren 1793 und 1794 versucht, die herkömmliche Religion durch den Kult einer allegorischen Göttin der Vernunft zu ersetzen. Bei den ersten Feierlichkeiten verkörperte eine Schauspielerin diese Göttin in der Pariser Kathedrale Notre-Dame. Mit dem Ende der Herrschaft der Jakobiner scheiterte dieser Versuch eines atheistischen Staatskultes."

(mir hetts zwar na gfalle! ;-))
 
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